In Spanien

Mein erster Text aus dem Van und mein erster Text seit langem.

Seit über einem Monat lebe ich nun in meinem fahrenden zu Hause und fühle mich darin so aufgehoben, dass ich fast vergessen hätte, auf Reisen zu sein. 
Teilzeitreisen zumindest, denn den Rest der Zeit gehe ich tatsächlich meinem Job nach.

So verfliegt die Zeit zwischen Feiertagen, Arbeiten und kleinen bis großen Reiseabenteuern.

Alles ist anders, als es auf dem Rad je war.
Anders, und doch nicht besser oder schlechter.


Wellenrauschen, Hundeaugen und ein heller Mond. 


Ich sitze 100 Meter über dem andalusischen Mittelmeer, nur sehen kann ich es nicht. Die Nachtsicht verschwommen, vom warmen Vanlicht, zeichnet mein Geist Details in die grau-schwarz schattierte Kulisse. 

Lang genug habe ich meinen Blick in den letzten Tagen hier über die Landschaft schweifen lassen, um den Schattierungen Form und Farbe geben zu können. 

Wie dem breitbauchige Tronkrugfelsen, der höher als ich stehe, den Schein der nächsten Stadt verdeckt - Nerja. Liefen heute Morgen noch Steinböcke über seine Sandsteinhänge, wirkt er nun zweidimensional.

An seinem Fuß, auch jetzt noch zu erkennen, das silbrig weiße Band von sanfter Gischt auf hellem Steinstrand. Nur unregelmäßig verdeckt vom meterhohen Pfahlrohr – oder Bambus, wie es jeder hier nennt.

Darüber das Meer. 

Strahlte es mir eben noch in azurenen Tönen den Sonnenuntergang entgegen, liegt seine Schönheit nun im Mattschwarz verborgen.

 

Kalt ist es geworden, denke ich, und schlage mir die Decke um den Bauch.

 

Kaum zu glauben, dass ich vor fünf Stunden noch im Kielwasser des Tonkruges schwamm und die Sonne auf meine Schultern brannte. 

Ob ich wohl von deinen steilen Klippen springen könnte? 

Lieber nicht, das Wasser ist keine zwei-Meter-fünfzig tief.

Stattdessen schwimme ich zurück zum Strand, nicht enttäuscht, sondern vom Wunsch erleichtert. Immerhin wäre der nächste Schritt gewesen, den halsbrecherischen Felsen zu erklimmen – und einladend sieht er dafür auch tagsüber nicht aus.

Kurz vor der Grenze des Meeres, wo die Wellen die Kiesel küssen, bleibt mein Fuß an etwas weichem hängen. 

Weich? Hier am Steinstrand?

Ich drehe mich um und sehe einen Schatten unter einen Stein huschen. Mache einen vorsichtigen Schritt auf ihn zu: fünf Arme kommen zum Vorschein und ziehen einen lila-roten Ballonkörper nach sich. Drei weitere Tentakeln lösen sich aus der sicheren Höhle und ein Volleyball-großer Oktopus schwebt vor mir im knietiefen Wasser. Sein gelb schwarzes Auge schaut mich durch die Wasseroberfläche an. Penetriert meine Sinne und zieht mich in hypnotischen Bann. Dann, urplötzlich, läuft er auf mich zu. 

Mein erster Reflex ist Flucht, mein zweiter Verscheuchen. Statt dem Instinkt zu folgen, denke ich an Mein Lehrer, der Krake und mein Kopf behält die Kontrolle. 

Ich rühre mich nicht.

In Sekundenbruchteilen – zumindest erscheint es mir so – überbrückt mein neugieriger Beobachter die zwei Meter, die uns voneinander trennen und stürzt sich zielstrebig auf meinen Fuß.

Den kennt er ja schon.

Seine Saugnöpfe setzen sich auf meine Haut und kurzerhand bin ich vom Knöchel bis zur Zehenspitze in violett schimmernden Salzwasser-Alien gehüllt. Hautfarbene Sprenkler zucken über seinen Körper, während er – oder sie – meinen Fuß untersucht. Mit einer Kraft daran zieht, die ich nicht erwartet hätte und gelegentlich seinen Schnabel gegen Großen Onkel und Spann drückt.

 

Ein nicht nachlassendes Kribbeln zieht aus dem Fuß über meinen Körper. Die leichte Angst, er könnte doch noch zubeißen. Nicht aus Boshaftigkeit. Einfach aus unermesslicher Neugier.

 

Stattdessen schaut er mich noch einmal an und zieht sich langsam zurück. Reflexartig Strecke ich ihm meine Hand entgegen. Die er – sich mit vier Armen am Stein festhaltend – ergreift und herzhaft drückt.

Zwei mal zieht er noch an meinem Arm, „Willst du nicht doch meine Höhle sehen?“ – dann zischt er mit Torpedo-schneller Beschleunigung durchs Wasser davon.

 

Sprachlos blicke ich ihm nach. Bleibe noch eine Weile am Strand und kann kaum glauben, was ich da gerade erlebt habe.

 

Schließlich wandere ich die Klippe zu Kassa hinauf - meinem auf bröckelnder Küstenstraße geparkten Campervan. Lasse meinen Blick verträumt über das Mittelmeer treiben. Und sehe Fontänen vorüberziehender Pilotwale in den Himmel sprühen.

 

Wo bin ich hier?

 

Über diese Frage denke ich noch den ganzen Nachmittag nach. Sehe zu, wie die Sonne versinkt und ein Delfin aus dem glitzernd-spiegelnden Meer springt.

 

Zu Hause, in der Welt – fällt mir meine Antwort vom finnischen Einsiedlerstrand wieder ein.

 

Doch im Gegensatz zum nordischen Ostseestrand, bin ich hier am spanischen Mittelmeer nicht allein.

 

Pilla wirft mir einen Stein vor die Füße.

Sie fragt mich regelrecht, ob ich ihr nicht den Gefallen tun könnte. Du weißt schon… Steinchen werfen halt! Na los, knautscht sie aus den Lefzen. Du hast ihn doch vorhin auch die ganze Zeit geworfen! 

Selten habe ich einen Hund so klar und deutlich sprechen hören.

Unzufrieden jault sie sich etwas in den Bart und versucht es geschickt nochmal mit Hundeblick.

Da hat sie mich.

 

Ich werfe und sie fliegt Staub-aufwirbelnd über die Schotterpiste hinweg.

 

Als ich den nächsten Stein werfe, stehe ich am Meer. Inzwischen ist es der Atlantik und seine goldig-samtenen Sandstrände erstrecken sich kilometerweit unter meinen Füßen. Magischer Dunst wabert die Küste hinauf. Lässt Meer und weiß getünchte Stadt in weiter Ferne ineinander verschmelzen.

Die flachen Steine, die bei Nerja noch in endloser Zahl zwischen den Felsen zu finden waren, sind hier ein knappes Gut. Dafür flitschen sie hervorragend über den hauchdünnen Wasserfilm, den die Ausläufer der Meterhohen Wellen über den flachen Strand ziehen.

 

6mal, 7mal, 10mal drehen sich die Steine leise die Sandkante entlang. Kleine Vögel flitzen in Windes-Eile auf Stelzenbeinen vor den langsam vorwärts walzenden Wogen davon.

 

Wie auch in Finnland scheinen sie vergessen zu haben, was fliegen heißt.

 

Doch wie fliegen fühlt sich diese Zeit an. Über das Land zum Rande des Kontinents – in wenigen Tagen so weit, wie auf Helge in Monaten. Flog ich durch ein verschneites Deutschland und eine herbstliche Provence.

Über Autobahnen und Landstraßen unter Sternschnuppen hinweg. Bis mein Weg sich kreisenden Schleifen durch Andalusien zog.

 

Al Andalus, wie es die Mauren tauften. 

Ein Name, der ferner klingt und besser passt, wenn man mich fragt. Die weißen Dörfer, durch die ich fahre, die Flora und Fauna und die nicht enden wollenden Berge. Durchzogen von drei-Meter-weiten Gänsegeiern wirken die abwechselnden Sand- und Kalksteinmassive weit schwindelerregender, als ihre Höhe es den Anschein haben ließe.

 

Gleiten sie die Felswände hinauf, ohne einen einzigen Flügelschlag, getragen von thermischen Winden.

 

Wie auch Kassa und ich uns über die Serpentinen winden. Stunden im Auto, sind Tage auf dem Rad. Nimmt die Erfahrung dadurch ab? Einerseits ja, andererseits liebe ich es, dass ich in meinem Auto leben kann. Ohne das Gefühl zu haben, auch nur im Ansatz auf etwas verzichten zu müssen. 

Ganz im Gegenteil. 

Zwischen fahren, kochen, schlafen und arbeiten genieße ich noch immer die Sonnenunter- und -aufgänge aus dem Bett, das sich so gemütlich quer ins Heck meines Ducatos schmiegt. Angelehnt ans warmen Filz, liegt mein Blick ewig auf rosa wattierten Horizonten. Lauschen meine Ohren rauschenden Wellen wie raschelnden Herbststurm-Wäldern. 

Egal ob Losinj oder Tarifa, Oulu oder Mazarron.

Die Küsten Europas… für immer fühle ich mich hier angekommen.

 

Dass ich jetzt auch noch neue und alte Freunde auf meine Reisen einladen kann, gefällt mir umso besser. 

 

So vereint mein Leben im Van Heimat und zu Hause. Mit dem neuen Jahr vor der Tür steht viel Freiheit bevor. Das letzte war gut zu mir, auch wenn ich am Ende eine Liebe verlor. 

Doch wie könnte ich von verlieren sprechen, wenn sie so unerwartet in mein Leben kam und es erleuchtete, wo vorher bei Zeiten nur Dunkelheit war? 

Ein Geschenk das bleibt, auch wenn es geht, das mich genau wie die Erfahrungen meiner Reisen prägt. 

Die Liebe, über die ich schon zwischen den Zeilen meiner finnischen Texte so viel schrieb.

 

Ich blicke auf rot-reflektierendes Azurblau. Fühle mich, als wanderte mein Blick über zahllose Zukunftsszenarien. Jede Welle ein mögliches Leben, in dem sich die Schönheit der Endlichkeit spiegelt. 

 

Auf welchen ich wohl treiben werde?

 

Wie immer weiß ich nicht, was ich von Vanlife und Spanien erwartet habe. Nichts wahrscheinlich – wie immer. 

Und wahrscheinlich ist genau das der Grund, warum ich begeistert bin.

 

Wie auch der Weg hierher fliegt die Zeit an mir vorbei. Erst Weihnachten, dann Silvester – voll Menschen und ihren eigenen Geschichten. Über Dankbarkeit und Wertschätzung von dem was war. Von Mut zum Lernen und Selbstreflektion. Vom neu entdecken alter Wunder, vom Losfahren und vom Überwinden alter Ängste. Von der Liebe und dem Vertrauen, dass alles kommt, wie es kommen soll, wenn wir offen dafür bleiben und uns den Raum lassen, den wir dafür brauchen. 

 

Kein Druck, keine Angst, keine Erwartungen.

 

Manchmal hängen sie noch über mir, wie die Wolken des letzten Jahres am morgengrauen Himmel. Doch bricht sich das warme Licht der neu aufgehenden Sonne nur umso schöner in ihnen – und füllt mich mit grenzenloser Zuversicht.

 

Was soll schon schief gehen mit einem offenen Herzen und dem Strahlen alter Wunder in den Augen?

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Kommentare: 1
  • #1

    Petra (Samstag, 06 Januar 2024 13:32)

    Danke für deine anschauliche Beschreibung! Und viel Glück, Gesundheit plus jede Menge neuer Erlebnisse auf deinen Reisen. Die Story mit dem Octopus war klasse! Danke auch für das Beweisvideo!